
Lebendiges Zuhause für Generationen
Kinder der Siedlung “Sunnebüel” in Volketswil, 1972
20 Jahre Implenia, 160 Jahre Zukunft gestalten
Wohnen im Wandel
«Wo-Wo-Wonige» hallt es regelmässig an Demos durch Zürichs Strassen. Wohnen war und ist ein Politikum in Schweizer Grossstädten, denn keine Bauaufgabe geht dem Menschen so nah wie die «eigenen» vier Wände. Das wurde schon in den 1960er- und 70er-Jahren deutlich, als die Wohnungsnot in Städten wie Zürich und Genf den sogenannten «Agglo-Boom» auslöste. Implenia hat mit seinen Vorgängerfirmen die Geschichte des Wohnens in der Schweiz mitgeprägt – und schreibt sie bis heute weiter.
Hier, vor den Toren Zürichs, im idyllischen Kemptnertobel bei Wetzikon, schliesst sich ein historischer Kreis. Vor über 50 Jahren wurde die Überbauung «Vogelsang» vom legendären «Baulöwen» Ernst Göhner gebaut, und vor sechs Jahren konnte Implenia, eine Art Enkeltochternachfolgefirma von Göhner, die Komplettsanierung der Siedlung termingerecht abschliessen – inklusive Erweiterung von 110 auf 146 Wohnungen. Wie schön es sich in den lichtdurchfluteten Wohnungen in unmittelbarer Nähe zur Natur leben lässt, bringt ein neunjähriger Bewohner auf den Punkt: «Im Wald spiele ich mit meinem Bruder am liebsten Verstecken. Wir haben ein eigenes Baumhaus!» Davon kann ein Stadtkind nur träumen.

«Göhnerswil» – Kapitalismuskritik und Wohnungsbau
«Vogelsang» ist eine von Hunderten von Plattenbausiedlungen, die in den 1960er- und 1970er-Jahren vor den Toren Schweizer Städte wie Pilze aus dem Boden schiessen. Allein Ernst Göhner, der Schweizer Pionier des Elementbaus, baut rund 9’000 solcher Wohnungen; ein Sechstel der inländischen Bautätigkeit geht zweitweise auf sein Konto. Die letzte Plattenbausiedlung der Ernst Göhner AG ist die «Webermühle» in Neuenhof im Kanton Aargau. Auch hier gilt: das Herz aus Beton, doch rundherum Grün inklusive der mäandernden Limmat. Und auch diese ikonische Überbauung gehört zum lebendigen Erbe von Implenia, nicht nur, weil Göhner die 13 Wohnhochhäuser gebaut hat, sondern auch, weil diese von Wincasa bewirtschaftet werden. Und Wincasa gehört seit 2023 ebenfalls zu Implenia.
Allerdings ruft der Bauboom in der Agglomeration auch Kritiker auf den Plan. Göhner wird zum Feindbild linker ETH-Studierender und -Dozierender, die 1972 die Streitschrift «Göhnerswil – Wohnungsbau im Kapitalismus» publizieren. Zentrale These: Göhner und andere Bauunternehmen nutzten die Wohnungsnot in den Städten aus, um die Menschen in anonyme, seelenlose und billige «Ghettos» in die Agglomeration zu pferchen. Allerdings zeigen Filmdokumentationen, dass viele Bewohnende es schon damals zu schätzen wussten, modern, kostengünstig und naturnah vor den Toren der Stadt zu wohnen – wie der neunjährige Bub heute. Auch an Göhner selbst zielt die Kritik vorbei; er stirbt 1971, wobei er sein Millionenerbe der Ernst-Göhner-Stiftung vermacht, die bis heute eine der grössten gemeinnützigen Stiftungen der Schweiz ist und kulturelle sowie soziale Projekte mit rund 40 Millionen Franken jährlich fördert. Was war da mit dem bösen Kapitalisten…?


Bauen auf der grünen Wiese
Triebfeder des «Agglo-Booms» in den 1960er- und 70er-Jahren ist die Wohnungsnot in vielen Schweizer Städten. Die Nachkriegszeit hat einen nicht enden wollenden Konjunkturzyklus eingeläutet, der Wirtschaftsmotor brummt, die Firmen brauchen Gastarbeiter, der Wohlstand steigt, mit der Generation der Babyboomer schiesst die Geburtenrate in die Höhe. Allein im Jahr 1962 wächst die Schweizer Bevölkerung um 2,8 Prozent – bis heute ein Rekordwert. In Zürich nimmt die Bevölkerungszahl in 20 Jahren um mehr als 100'000 Bewohnende auf 440'000 (1962) zu; erst 2022 werden wieder mehr Menschen in Zürich leben.
Bevölkerungswachstum und -bestand ab 1900

Die Schweizer Grossstädte platzen also aus allen Nähten, und das bedeutet nach den eisernen Gesetzmässigkeiten von Angebot und Nachfrage: steigende Mieten. In Zürich, Basel und auch am anderen Ende der Schweiz. In Genf tritt die einflussreiche Stiftung Nicolas-Bogueret der Wohnungsnot mit Sozialbauten entgegen. Vor den Toren der Stadt, in Meyrin, kauft sie 1970 eine 16 Hektar grosse grüne Wiese, um die Grossüberbauung «Champs-Fréchets» zu errichten – inklusive Einkaufszentrum, Notfallzentrum und Primarschule. Unweit von Champs-Fréchets entsteht zu dieser Zeit der Riesenwohnblock «Les Avanchets», ein Sinnbild der Agglomerationssiedlungen der damaligen Zeit und heute sogar Teil des Inventars schützenswerter Ortsbilder der Schweiz.
Hier, im Westen der Schweiz, ist nicht die Ernst Göhner AG die Baumeisterin des Agglo-Booms, sondern die seit 1922 in Genf beheimatete SA Conrad Zschokke, die grösste Vorgängerfirma von Implenia. «Onex-Parc», «Cointrin», «La Gradelle», das Hochhaus «Vermont» – fast alle Grossüberbauungen führt Zschokke in der Allbetonbauweise aus, bei der nicht nur das Tragwerk, sondern auch Wände, Decken und die Fassade aus vorgefertigten Betonelementen errichtet werden – Plattenbauten eben.
Verdichtung: die Stadt in der Stadt
Tatsächlich mildert der Agglo-Boom die Wohnungsnot in den Städten. Allerdings existiert bereits damals auch eine gegenteilige Strategie, um der Wohnungsnot in den Städten entgegenzuwirken: die Verdichtung innerhalb der Städte. 1963 beginnt die traditionsreiche Zürcher Bauunternehmung Heinrich Hatt-Haller, 1997 Mitgründerin von Batigroup, in Zürich-Aussersihl mit dem Bau einer aus sechs Einzelbauten zusammengesetzten «Hochhausscheibe», dem bekannten «Lochergut». Dessen Silhouette erinnert mit den bis zu 63 Meter hohen Baukörpern an ein kleines Gebirge inmitten der Stadt. In Hochzeiten wohnen hier auf einer Baufläche von 17'000 m2 bis zu 1’000 Menschen in 350 Wohnungen. Das entspricht einer Siedlungsdichte von etwa 17 m2 pro Person; zum Vergleich: in der Stadt Bern sind es heute 350 m2 pro Person.


Vorbei sind die Zeiten, in denen Max Frisch noch 1953 über den Schweizer Städtebau schreiben konnte: «Die schweizerische Architektur hat fast überall etwas Niedliches, etwas Putziges (...), als möchte die ganze Schweiz (ausser wenn sie Staumauern baut) ein Kindergarten sein.» Mit ihren enormen Dimensionen und ihrer kommerziellen und sozialen Mischnutzung entstehen in Städten wie Genf («Quai du Seujet») und Zürich «Städte in den Städten», die auf engstem Raum alles bieten, was eine ganze Stadt bietet, von der Wohnung bis zur Parkgarage, vom Büro bis zum Supermarkt, vom Coiffeur bis zur Bäckerei und von der Arztpraxis bis zum Restaurant. «Megastructures» nennt der Architekturtheoretiker Reyner Banham 1979 solche Überbauungen. Und diese Megastrukturen werden immer grösser. 1973 beginnt Heinrich Hatt-Haller mit den Bauarbeiten an den bis zu 93 Meter hohen «Hardau-Wohntürmen» am westlichen Stadtrand von Zürich. Dank Vorfertigung der Bauelemente und rationeller Bauweise gehen auch hier die Bauarbeiten zügig voran: Alle neun Tage entsteht vor den Augen der Bevölkerung ein neues Stockwerk. Ab 1978 sind die 570 städtischen Wohnungen bezugsbereit – und Zürich um vier Hochhäuser reicher.
Die lebenswerte Stadt
Doch zu dieser Zeit entleert sich Zürich bereits zusehends. Die Stadt wandelt sich zur «Bürostadt» und wird immer teurer. Der zunehmende Verkehr, der sich mangels Umfahrung durch die Stadt zwängt, senkt die Wohnqualität ganzer Quartiere. Hinzu kommt die sich ausbreitende Drogenszene in Zürich inklusive «Needlepark» am Platzspitz. 1990 zählt die Stadt nur noch 360'000 Einwohnerinnen und Einwohner. Begünstigt durch die linke Mehrheit im Stadtrat, wendet sich das Blatt. Es beginnt die Rückeroberung der Stadt, ein bis heute währender Zyklus der permanenten Aufwertung durch Massnahmen wie die sozial begleitete Schliessung der offenen Drogenszene (1995), die Liberalisierung des Gastgewerbes (1998), die Westumfahrung (2009)… Zürich wird wieder zur Lebestadt, wächst und steht heute – die Dialektik der linken Wohnpolitik – gerade wegen seiner Attraktivität wieder vor demselben Problem wie in den 1960er-Jahren: Wohnungsnot und hohe Mieten (sofern die Wohnungen nicht in städtischem oder genossenschaftlichem Besitz sind).
Verdichtung heute: Die «Lokstadt» von Implenia in Winterthur
Also ist wie damals Verdichtung angesagt, nicht nur in Zürich, wo die Bevölkerungsdichte seit 2000 um 14 Prozent gestiegen ist, sondern auch im benachbarten Winterthur. Dort baut Implenia seit 2016 in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Winterthur die «Lokstadt»: eine Ministadt, in der 1500 Menschen ein innerstädtisches Zuhause finden und wo Wohnen, Arbeit, Freizeit und Konsum ineinanderfliessen. 123'000 m2 misst das ehemalige Areal der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM), das Implenia für CHF 650 Mio. einer tiefgreifenden Metamorphose unterwirft. Die Bevölkerungsdichte wird hier rund 13’000 Menschen pro Quadratkilometer betragen – das ist mehr als doppelt so hoch wie in der Stadt Zürich und 55-mal so hoch wie in der Schweiz.
Genau wie in den 1960er-Jahren geht es hier um Effizienz und Ausnutzung. Das bedeutet heutzutage, dass beispielsweise die komplette Planung und Ausführung mit digitaler Unterstützung durch Building Information Modeling (BIM) erfolgt. Zudem kommen – wie zu Göhners Zeiten – wo möglich vorgefertigte Elemente zum Einsatz, wie die in Rahmenbauweise ausgeführten Wandelemente aus Holz, die in der Holzbauproduktion von Implenia im nahen Rümlang gefertigt werden. Was heute höhere Relevanz geniesst, sind Umweltthemen, die erst mit der Ölkrise der 1970er-Jahre in den gesellschaftlichen Fokus rücken. Heute sind sie im Zuge der Energiewende integraler Bestandteil des Bauens und der Zertifizierungspraxis. In der «Lokstadt» verbaut Implenia viel Holz, um graue Energie zu sparen und über Zertifizierungen wie Minergie-P den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft gerecht zu werden.
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Hauptfoto: Kinder der Siedlung “Sunnebüel” in Volketswil, 1972. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv
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Im Laufe des ganzen Jubiläumsjahres wird der Inhalt erweitert
Für mehr Informationen über die Wurzeln von Implenia, und darüber, wie Implenia die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Schweiz und vieler weiterer Länder geprägt hat und prägt:







