Vom Tunnelbau kommt man schwer wieder los

«Wenn man es einmal hat, wird man es wohl tatsächlich nicht wieder los», sagt Schichtingenieurin Marieke Czwikla. Sie spricht vom vielbesagten «Tunnelvirus», von dem ihr bereits ihr erster Baustellenchef erzählt habe. Und es hat sie tatsächlich erwischt: Für die 35-jährige Deutsche ist es diese einzigartige Kombination aus spannenden Projekten und unvergleichlicher Teamarbeit, die so faszinierend ist.
«Es ist enorm»
Seit zwei Jahren arbeitet sie am Projekt Brenner Basistunnel als Schichtingenieurin für Innenausbau und zyklischen Vortrieb und koordiniert Arbeitsvorbereitung, Beschaffung, Bauablaufplanung, Logistik und Personalplanung. «Der Umfang der Bauleistung, die wir hier ausführen, ist schon enorm», erklärt sie. Von der Vielzahl und Menge der Arbeiten fühle es sich an wie mehrere Grossbaustellen gleichzeitig.
Per Zufall zum Tunnelbau
Zum Tunnelbau gekommen ist die gebürtige Niederrheinerin eher zufällig. Während ihres Bauingenieurstudiums in Aachen absolvierte sie zunächst ein Praktikum bei Implenia Hamburg im Spezialtiefbau, wohin sie eigentlich nach ihrem Master wieder zurückwollte. Doch als sich kurzfristig die Möglichkeit ergab, für ein Tunnelbauprojekt in die Schweiz zu gehen, sagte sie zu. «So nahm das Ganze seinen Lauf.»
Mentalitätsunterschiede auf engstem Raum
Ihre Stationen im Tunnelbau führten sie in die Schweiz, wieder nach Deutschland und jetzt nach Österreich und machten sie um wertvolle Erfahrungen reicher. «Obwohl es Nachbarländer sind, in denen grundsätzlich dieselbe Sprache gesprochen wird, gibt es dennoch bemerkenswerte Mentalitätsunterschiede», sagt sie. «In Deutschland tendieren wir dazu, alles sehr gut zu überlegen und zu überdenken. In der Schweiz ist mir die hohe Lösungsorientierung aufgefallen und in Österreich die Fähigkeit, rasch ins Anpacken überzugehen – und überall konnte ich etwas lernen.»
«Wie eine kleine Familie»
Was sie am Tunnelbau bis heute fasziniert, ist nicht nur die Einzigartigkeit der Projekte, sondern vor allem die Zusammenarbeit im Team. «Man sagt, der Tunnelbau ist wie eine kleine Familie. Wir müssen uns aufeinander verlassen können.» Entscheidend seien eine gute Führung, ein gewisses Mass an Gelassenheit, um die teils fordernden Randbedingungen zu meistern, und ein respektvoller Umgang miteinander. Denn am Ende gelte: «Wir bauen diesen Tunnel gemeinsam.» Als Einzelgänger komme man nicht weit.
Ausdauernd in Beruf und Freizeit
Dass sie durch ihren Beruf an so unterschiedlichen und auch schönen Orten arbeiten kann, wo andere Ferien machen, schätzt sie sehr – auch wenn bei Zwölf-Stunden-Schichten während der Dekade oft wenig Zeit bleibt für Freizeitaktivitäten in der Umgebung. So müssen, so weit möglich, die Abgänge reichen, um die Umgebung zu geniessen: Hier in Tirol beim Wandern, Skifahren oder Laufen. Dass Marieke nicht nur in ihrem Beruf einen langen Atem hat, bewies sie letztes Jahr: Gemeinsam mit laufbegeisterten Kollegen absolvierte sie in Wien ihren ersten Halbmarathon.
Was kann das noch toppen?
Beruflich wird sich zeigen, was die nächsten Jahre noch so bringen. «Gefühlt kann das, was noch kommt, das Bisherige kaum übertreffen», sagt sie. Kein Wunder, wenn man wie sie derart grosse Momente miterleben konnte: «Die Durchschläge beim Brenner oder der Vortriebsstart der Hydroschildmaschine mit der Schachtausfahrt bei der Kabeldiagonale Berlin waren schon sehr aufregende und eindrückliche Erfahrungen.» Da wären wir wieder beim «Tunnelvirus», das so viele wie Marieke nicht mehr loslässt.
Das Projekt Brenner Basistunnel

Der Brenner Basistunnel ist ein flach verlaufender Eisenbahntunnel, der Italien und Österreich miteinander verbindet. Er verläuft zwischen Innsbruck und Franzensfeste auf einer Länge von 55 km und bildet inklusive der Anbindung aus dem «Inntaltunnel» mit insgesamt 64 Tunnelkilometer künftig die längste unterirdische Eisenbahnverbindung der Welt.