
Top secret! Implenias Bauten zur Landesverteidigung
Bauten zur Landesverteidigung
Seit über viereinhalb Jahren tobt der Ukrainekrieg vor den Türen Europas. Insgesamt registrierte das «Uppsala Conflict Data Program 2025» weltweit 65 bewaffnete Konflikte – so viel wie noch nie seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Es ist eine traurige Realität, dass wir bis heute in keiner friedlichen Welt leben. Deshalb baut Implenia seit über hundert Jahren Festungen, Bunker, Munitionsdepots und Militärflugplätze für die Schweizer Armee. Eine (fast) geheime Spurensuche.
Es ist die Natur, die bei der Verteidigung eines Landes die Hauptrolle spielt: Flüsse, Berge und Täler – welche Angriffsflächen bietet ein Land? Und wie lässt sich die Topographie umgekehrt zur Verteidigung nutzen? Nie hat die Schweizer Armee diese Frage intensiver diskutiert als vor und während des Zweiten Weltkriegs, als sie von den faschistischen Achsenmächten zunehmend eingeschlossen wurde. Mitten in Europa gelegen konnte der kleine Alpenstaat nicht auf Unterstützung von aussen hoffen. Die Schweiz war auf sich allein gestellt – und bereit, sich bis aufs Letzte zu verteidigen. 1939 ordnete der Schweizer Bundesrat somit nicht nur die Generalmobilmachung an, sondern setzte auch ein gewaltiges Investitionsprogramm in Bauten zur Landesverteidigung in Gang. Gebaut wurden diese auch von Implenia, bzw. ihren Vorgängerfirmen wie Zschokke, Hatt-Haller und Stuag.

Festung Sargans
Im Osten der Schweiz bietet das Rheintal Feinden eine natürliche Angriffsfläche. Wenn Implenia hier zwischen 2007 und 2009 im Auftrag des VBS das neue Gefechtsausbildungszentrum Ost der Schweizer Armee errichtet, dann liegen die historischen Wurzeln dafür auch im Zweiten Weltkrieg – und auch bei der Zürcher Baufirma Hatt-Haller. Blicken wir zurück!
1939 richtet die Schweizer Armee ein eigenes Baubüro Sargans ein, das in Spitzenzeiten bis zu 200 Personen beschäftigt und unter anderem den Auftrag hat, die Hangflanke des Magletsch zu einer Festung auszubauen. Sie soll im Ernstfall einen gewaltigen Sperrriegel bilden und den Korridor Richtung Osten sichern.
Wie üblich baut die Schweizer Armee die Verteidigungsbauten nicht selbst, sondern beauftragt im Sinne der Arbeitsbeschaffung regionale Baufirmen und für die komplexeren Aufgaben grosse und im Untertage- und Stollenbau erfahrene Baufirmen wie Zschokke, Locher und Hatt-Haller. Denn die vielfach unterirdischen Festungen wie das Artilleriewerk Magletsch erfordern Spezialwissen und -maschinen. Für das Millionenprojekt Magletsch bewerben sich im Oktober 1939 unter anderem die Firmen Zschokke und Heinrich Hatt-Haller.
Bauen unter strengster Geheimhaltung
Der politische Druck ist gross. Anfang September hat die deutsche Wehrmacht Polen überfallen und damit den Zweiten Weltkrieg begonnen. Die militärische Bedrohungslage, die ausländischen Spione im Land – all das ist bei der Ausschreibung spürbar. «Die Arbeitsofferten sind am 23. Oktober 1939 zwischen 9 und 11 Uhr verschlossen und versiegelt mit der Aufschrift ‚Offerte für Register No. 5‘ auf dem Festungskommando zu übergeben (…). Postversand ist unter keinen Umständen zulässig.» Nicht auszudenken, wenn der Anforderungskatalog und die ausgearbeiteten Pläne in die Hände der Feinde gelängen. Die Ausschreibung gewinnt Hatt-Haller.
Die Baustellen selbst werden streng bewacht. 1941 rekrutiert die Schweizer Armee zunehmend Arbeitslose, die als Hilfsarbeiter den Bau der Artilleriewerke beschleunigen sollen. Ein St. Galler berichtet, wie er 1941 zur mitten im Bau befindlichen Festung Sargans geschickt wurde. Erste Station ist das Festungskommando in Oberschan. «Dort bekam ich eine Medaille; mit dieser durften wir an den Wachtsoldaten beim Haupteingang vorbei in den Berg Magletsch zur Arbeit eindringen (…). Alle [Hilfskräfte] waren ab sofort dem Festungskommando, der Baufirma und den kantonalen Arbeitsämtern unterstellt und von der Heerespolizei überwacht worden, keiner konnte abhauen.»[1]
Bei einer Ausschreibung für eine Hartbelagspiste auf dem Militärflughafen Saanen im Berner Oberland, die zur gleichen Zeit Zschokke gewinnt, heisst es: «Es dürfen nur Schweizerbürger mit gut schweizerischer Gesinnung beschäftigt werden.»
Das Réduit national
Die vollständige Umklammerung der Schweiz nach der Kapitulation Frankreichs im Sommer 1940 führt zu einem Strategiewechsel der Schweizer Armee unter General Guisan: das Réduit national, der Rückzug grosser Teile der Armee in den Alpenraum, dessen Zugang durch die Festungen Sargans im Osten, Gotthard im Zentrum und St. Maurice im Westen gesichert werden soll. Sollten die Achsenmächte angreifen, um die strategisch wichtige Kontrolle über die Alpentransversalen der Schweiz zu gewinnen, würde die Schweiz diese bis zuletzt verteidigen und – wenn nötig – zerstören.
[1]https://www.wartau.ch/_docn/317767/Gemeindeblatt_12_06-2001.pdf
Deshalb drückt das Bureau für Befestigungsbauten, das die Bauvorhaben der Landesverteidigung zentral organisiert, 1941 immer mehr aufs Tempo, was die ausführenden Bauunternehmen in die Bredouille bringt: denn diese haben mit dem kriegsbedingten Mangel an Baumaterial und Arbeitskräften zu kämpfen.
Viele qualifizierte Mitarbeiter sind im Aktivdienst und Ausländer auf den Baustellen unerwünscht. Kein Wunder gibt die Zschokke SA bei ihrer Eingabe für die Festung Sasso da Pigna zu bedenken: «Bei der heutigen Lage der Arbeitsverhältnisse ist unseres Erachtens die vom Bauherrn angegebene Bauzeit für dieses im Hochgebirge zu erstellende Werk etwas zu knapp bemessen.» Zschokke schlägt eine realistische Bauzeit von 27 Monaten vor. Und verliert die Ausschreibung.
Zum Zuge kommt wieder einmal Hatt-Haller aus Zürich im Konsortium mit Wyss, Meyer & Co. aus Grenchen. Die beiden Firmen sprengen und betonieren die 8 000m2 grosse Festung ins Gotthardmassiv. 500 Soldaten fasst die Festung; die vier Bunkerkanonen haben eine Reichweite von 28 km.

Harte Arbeit: ein Zeitzeugenbericht
Über die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen berichtet der St. Galler Zeitzeuge aus der Festung Sargans. Zuerst ist dieser mit dem Bau eines vorgelagerten Maschinengewehr-Stands beschäftigt: «Die vorstehenden Aussenwände wurden mit Betonqualität 500, ca. 3 m dick und mit Armierungseisen in Abständen von 15 cm nach oben und unten, sowie horizontal durchsetzt. Nach innen zurückversetzt wurde senkrecht eine Panzerplatte in die Seitenwände einbetoniert. Sie war ca. 15 cm dick und hatte ein Guckloch und eines für die Waffe nach draussen. Im Innenraum, der im Verhältnis zum grossen Koloss sehr klein war, hatten zwei Soldaten und die nötige Munition und ein Geschütz Platz.» Danach arbeitet er ein Jahr lang «im stockfinsteren, feuchten Berg». Die Arbeit ist gefährlich. «Nach Sprengungen am Morgen mussten Männer mit Eisenstangen Gestein, das losgesprengt war, aber noch nicht herunterfiel, herunterstochern. Dabei wurde ein solcher Arbeiter von einer herunterfallenden Steinplatte getötet.» Dennoch findet der Hilfsarbeiter zwischendurch Zeit für Lohnverhandlungen: «Als ich nach einigen Tagen immer noch eintönig beim Schaufeln war, kam der Polier Windler der Firma Hatt-Haller hinzu. Meine Bemerkung: ‚Für so einen eintönigen Chrampf sind 90 Rappen Stundenlohn schon wenig.‘ Er sagte, er wolle das prüfen, wolle dann aber auch mehr Leistung sehen. Damit hatte ich einen Riesenerfolg. Beim nächsten Zahltag gab es 93 Rappen. Zudem bekamen wir von den kantonalen Arbeitsämtern auch noch pro Tag CHF 1.50 Versetzungszulage, weil wir ja im nationalen Interesse hier arbeiteten.»
Ab auf die Piste: Hartbeläge für den Militärflugplatz Saanen
1942 beginnen für die Zschokke SA die Bauarbeiten auf dem Militärflugplatz Saanen im Berner Oberland. Bislang bestand die Piste dort aus einer gewalzten Riedfläche. Doch da die Réduit-Strategie im Ernstfall zu einer Aufgabe der Flughäfen im Mittelland geführt hätte, werden die Kleinflugplätze innerhalb des Réduit umso wichtiger und müssen für schwerere Kampfflieger nachgerüstet werden. Anfang 1942 geht es los: Festigung und Entwässerung der Rollzonen, die Hartbelagspiste asphaltieren, Zufahrtswege, Brücken und Retablierstollen bauen. Im Oktober 1943 rückt hier die Fliegerkompanie 1 ein.

20 km nordöstlich von Saanen, Richtung Simmental, hat Zschokke bereits im Sommer 1940 mit dem Bau des unterirdischen Magazins Weissenbach begonnen, das zum Munitionslager Blausee-Mitholz gehört. Hier lagert die Réduitbrigade 21 ihr Pulver zur Verteidigung der Alpenfestungen. Für die Federführung der ARGE erhält Zschokke 1.75 Prozent der Bausumme.
Explosionsgefahr – leider auch nach dem Krieg
Als der Zweite Weltkrieg endlich vorbei ist und Frieden herrscht, erschüttern zwei Explosionskatastrophen die Schweiz. Im Mai 1946 explodiert das Munitionslager der Festung Dailly, die während des Réduits den westlichen Verteidigungsriegel bildete. Die gefährlichen Aufräumarbeiten vertraut das VBS einer weiteren Vorgängerfirma von Implenia an, der STUAG.
Ein Jahr später explodiert das Munitionslager Blausee-Mitholz, an dem Zschokke mitgebaut hat. Neun Arbeiter sterben. Seit diesen beiden Katastrophen lagert die Schweizer Armee Zünder und Munition strikt getrennt.
Implenias Bauten zur nationalen Sicherheit
Auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bauen Zschokke, Hatt-Haller und Stuag fortlaufend Verteidigungsanlagen der Schweizer Armee. Ab 2006 setzt Implenia diese Bautradition fort. Viele Aufträge führen sie dabei zurück in die Zeiten des Zweiten Weltkriegs. Zwar wurden zahlreiche militärische Stützpunkte aufgegeben – die Werke Magletsch und Sasso da Pigna sind heute Museen; doch andere haben ihre strategische Bedeutung behalten.
So ist das Rheintal nach wie vor ein wichtiger Stützpunkt der Schweizer Armee. Hier baut Implenia 2007 bis 2009 für CHF 33 Mio. das neue Gefechtsausbildungszentrum Ost.
Ähnliches gilt für den Flugplatz Emmen, der wie Saanen 1939 eröffnet wurde. Hier baut Implenia zwischen 2018 und 2020 einen neuen Hangar – nicht mehr für «echte» Flugzeuge, sondern für Drohnen. Wie früher gelten hier selbstverständlich die hohen Zertifikationsanforderungen der Schweizer Armee und des Explosionsschutzes.
Andere Standorte werden umgenutzt. In Hinwil beispielsweise baut Implenia anstelle des Armeemotorfahrzeugparks aus den 1950er-Jahren zwischen 2012 und 2016 ein regionales Logistikzentrum der Schweizer Armee.
Angesichts der gegenwärtigen geopolitischen Bedrohungen steigen die Investitionen in die Verteidigungsinfrastruktur signifikant – in der Schweiz, aber auch in NATO-Ländern wie Deutschland. Implenia baut ihre Spezialisierung und Kompetenzen in diesem Bereich aus. Es gibt viel zu tun, und für einmal muss man sagen: leider!





















