«Für alle, die Action lieben: Ab auf die Baustelle!»

Georgiana Noureanu Bucur kam 2024 als Verantwortliche für Ausführungsplanung und BIM zum Projekt TELT Mont-Cenis-Basistunnel CO08 zu Implenia und gehört damit zu einer neuen Generation von Ingenieurinnen im Tunnelbau. Ursprünglich aus Rumänien stammend, entschied sie sich 2016 für ein Studium in Frankreich. Nach ihrem Bachelor in Bauingenieurwesen an der Technischen Universität für Bauwesen Bukarest setzte sie ihr Studium an der École des Ponts et Chaussées in Paris mit einem Double-Degree-Master fort. Ihr Abschlussjahrgang 2019 war stark männlich dominiert, mit nur etwa 30 % Frauen unter rund 225 Ingenieuren und Ingenieurinnen. Ihr Abschluss umfasste auch ein Praxisjahr sowie eine Abschlussarbeit zum Grand Paris Express – ein aussergewöhnliches Infrastrukturprojekt und Startpunkt ihrer Karriere im Tief- und Tunnelbau.
Kannst du uns von deinem Werdegang erzählen: Woher kommst du, und wann hast du dir gesagt: Ich will im Tunnelbau arbeiten?
Ursprünglich träumte ich von einem Architekturstudium und war sehr designorientiert. Da mir Mathematik leichtfiel, entschied ich mich dann aber doch für Ingenieurwesen. Meine erste Baustellenerfahrung sammelte ich als Bauleiterin beim Projekt EOLE in La Défense, an einem Ingenieurbauwerk direkt nach dem neuen unterirdischen Bahnhof. Ich liebte diese Erfahrung: mitten im Geschehen, sichtbar schnelle Ergebnisse, und direkter Kontakt zur Baustelle. Danach arbeitete ich an den Tunnelbaumethoden für das Los T3C der Linie 15 Süd – von TBM-Anweisungen über Phasenplanung bis zu Arbeitsabläufen.
Nach dem Studium trat ich einem auf Tunnelbau spezialisierten Ingenieurbüro bei und arbeitete an der Ausführungsplanung der Tunnel-Rameaux-Verbindungen des Projekts T3C. Dabei begegnete ich vielen technischen Herausforderungen: Strukturanalysen, Sensitivitätsstudien und neuen technischen Lösung für die Tunnel-Rameaux-Verbindungen.
Diese letzte Erfahrung am Ende meines Studiums bestärkte mich in der Entscheidung, meinen Weg in einem Ingenieurbüro in Paris fortzusetzen – als Projektingenieurin im Bereich komplexe Hochbau-Strukturen. Die Themen waren spannend, aber ich spürte den Wunsch, näher am praktischen Baustellengeschehen zu sein. Die generalistische Ingenieurausbildung an der École des Ponts ParisTech ermöglichte es mir, viele verschiedene Fachgebiete zu entdecken. Diese Möglichkeiten führten mich schliesslich zu den Tiefbau- und Tunnelarbeiten, die die besondere Herausforderung vereinen, Ingenieurbauwerke tief im Inneren von Bergen auszuführen.
War das der Moment, in dem du nach London gegangen bist?
Ja, ich habe mich der Baustelle des Thames Tideway Tunnel in London angeschlossen. Dort hatte ich mehrere Funktionen innen: Tunnelbauingenieurin für die Tunnelbohrmaschine, Ingenieurin im Ingenieurbau sowie Koordinatorin für Planung und Ausführung. Es war eine sehr intensive Erfahrung. Mein Büro befand sich buchstäblich auf der Tunnelbohrmaschine, direkt neben der Steuerkabine. Ich habe sogar einmal ein Uber im Tunnel bestellt … die Pizza wurde direkt auf den Tübbingen abgeliefert! Mit der geolokalisierten Lieferung war es hingegen etwas komplizierter, denn ich war oft 100 m unter der Erde …
Die Schichtrotationen waren anspruchsvoll: Tage, Nächte, Wochenenden, manchmal Einsätze von 10 bis 12 Stunden. Es war sehr dynamisch, sehr intensiv, und es ermöglichte mir, ganz nah am Geschehen zu sein und gemeinsam mit den Teams die Maschine voranzubringen. Ich habe während dieser Erfahrung unglaublich viel gelernt.
Was hat dir gefallen und was hat dir den Wunsch gegeben, dich weiterzuentwickeln?
In diesem Beruf gibt es zwei Seiten. Ich mochte den praktischen Aspekt sehr: täglich für die Aktivitäten verantwortlich zu sein, die Arbeitsvorbereitung zu organisieren, die Sicherheit, die internen Qualitätskontrollen, die eigenen oder die Subunternehmer-Teams zu koordinieren – kurz: Verantwortung zu übernehmen. In der Aktion zu sein, motiviert mich sehr. Gleichzeitig verliert man im täglichen Management manchmal den Blick für das grosse Ganze und die nötige Distanz. Ich wollte auch Zeit für Reflexion haben, die Themen im Vorfeld verstehen und das gesamte Projekt überblicken. Das war es, was mich dazu gebracht hat, in den technischen Bereich zu wechseln.
Warum hast du dich für Implenia und das Projekt Mont-Cenis-Basistunnel entschieden?
Im Jahr 2024 ging das Tideway‑Projekt zu Ende. Auf der Suche nach neuen Herausforderungen nutzte ich die Gelegenheit, mich den technischen Teams des Projekts Lyon–Turin CO08 anzuschliessen. Die gerade gestartete Baustelle der neuen Eisenbahnlinie bot mir die Möglichkeit, meine internationale Laufbahn fortzusetzen und an einem der tiefsten Tunnel der Welt zu arbeiten – bis zu 2000 m unter der Oberfläche! Die technischen und geologischen Herausforderungen aufgrund hoher Gebirgsdrücke sowie die Studien und Methoden für den Vortrieb in einem Gebiet mit zahlreichen Randbedingungen motivierten mich, mich bei Implenia für die Rolle der Verantwortlichen für Ausführungsstudien zu bewerben.
Auf der Baustelle CO08 verantworte ich sämtliche Ausführungsstudien – mit einem sehr umfassenden Blick: traditioneller Vortrieb, Ingenieurbau, Innenausbau, Förderband, Pläne, statische Nachweise … alle Gewerke sind vertreten. Es ist ausserdem eine Baustelle in überschaubarer Grösse, was im Vergleich zu sehr grossen Projekten eine willkommene Abwechslung ist. Ich lerne jeden Tag Neues dazu. Kein Tag gleicht dem anderen – es ist unglaublich bereichernd.
Gibt es eine Seite deiner Arbeit, die sich niemand vorstellen kann?
Den notwendigen technischen Wissensstand, die Menge an Informationen, die man beherrschen muss, und das geforderte Mass an Expertise. Man muss sehr analytisch sein, gleichzeitig den Gesamtüberblick und ein präzises Verständnis haben sowie über echte Fähigkeiten zur Synthese, Koordination und Merkfähigkeit verfügen, um die Kohärenz aller Strukturen und Gewerke sicherzustellen (Sicherung, Verkleidung …).
Mein Ziel ist es, sicherzustellen, dass die Ausführungsstudien sowohl den Kundenanforderungen entsprechen als auch in der Produktion umsetzbar sind – und dass die Bauwerke von den Ingenieurbüros und unabhängigen Prüfinstanzen gemäss den geltenden Normen für eine Lebensdauer von 120 Jahren bemessen werden! Der Beruf verlangt ein hohes Mass an Vielseitigkeit.

Was bedeutet der Internationale Frauentag für dich?
Für mich ist es vor allem ein Tag, der dazu dient, Frauen sichtbar zu machen und an die Geschichte der hart erkämpften Rechte seit Beginn des 20. Jahrhunderts zu erinnern. In England wurden die Errungenschaften der Frauen besonders hervorgehoben: das Wahlrecht, das Recht zu fahren, das Recht zu arbeiten … Dieser Tag ist auch eine Gelegenheit, die Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern zu fördern, auf weiterhin bestehende Ungleichheiten aufmerksam zu machen und über mögliche Verbesserungen nachzudenken. Es ist nicht «der Frauentag», an dem man Blumen verschenkt. Es ist der Internationale Tag der Frauenrechte – man darf nicht in dieses Klischee verfallen.
Wenn man dir sagen würde: «Das ist kein Beruf für eine Frau» – was würdest du antworten?
Dass wir aufhören müssen, in der Vergangenheit zu leben! Immer mehr Frauen arbeiten heute im Bausektor, und das Berufsfeld bietet eine enorme Vielfalt: Ausführung, Studien, Methoden, Finanzen, Personalwesen, Qualität, Sicherheit, Umwelt, Kommunikation, Planung, Vertragsmanagement – so viele Berufe und Chancen, dass es schade wäre, Frauen diese Möglichkeiten zu verwehren. Ausserdem sind Baustellen dank technologischer und digitaler Entwicklungen heute viel organisierter, strukturierter und stärker mechanisiert. Frauen bringen oft mehr Koordination, Diplomatie und Ausgewogenheit in die Teams ein.
Wenn diese Baustelle von Anfang an von Frauen geplant worden wäre – was wäre anders?
Ganz konkret würde es persönliche Schutzausrüstung geben, die wirklich auf Frauen zugeschnitten ist. Keine «Unisex»-Ausrüstung, die standardmässig für männliche Körper konzipiert ist, sondern echte Arbeitskleidung, die für Frauen entwickelt und in ihrer Grösse verfügbar ist. In England gibt es das bereits: Arbeitskleidung für Schwangere, Hosen mit besserem Schnitt, teilweise auch in kleinen oder angepassten Grössen – selbstverständlich unter Einhaltung der Sicherheitsnormen. Eine gut passende Ausrüstung bedeutet mehr Komfort, mehr Sicherheit und mehr Selbstvertrauen auf der Baustelle! Sie sendet eine klare Botschaft: Alle gehören dazu.
Was würdest du jungen Frauen sagen, die noch zögern, in diesen Beruf einzusteigen?
Wenn ihr Action mögt und sehen wollt, wie Projekte ganz konkret Gestalt annehmen, ist eine Arbeit auf der Baustelle ideal für euch. Wenn ihr eher neugierig auf das «Wie» seid, gerne analysiert und plant, empfehle ich dagegen Berufe im Bereich Studien, Methoden oder Konstruktion. Die Bereiche Umwelt, Qualität oder Sicherheit ermöglichen es, die Einhaltung von Verfahren, die Konformität der Bauwerke und den Schutz der Teams sicherzustellen. Es gibt ausserdem zahlreiche unterstützende Funktionen: Technik, Administration, Personalwesen, Management … Der Bausektor ist sehr offen und bietet echte Entwicklungsmöglichkeiten.
An alle Frauen weltweit, die einen spannenden und vielseitigen Beruf suchen:
Steigt ein in das menschliche und technische Abenteuer der Bauwelt – und kommt, um die Geschichte mit uns weiterzuschreiben!
