
Schwimmgerüst und beweglicher Caisson
Bauarbeiten im Hafen von Genua, 1886-1892
20 Jahre Implenia, 160 Jahre Zukunft gestalten
Schiff ahoi! Schweizer Hafenbaukunst an den Küsten Europas
Baustellen in Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, Schweden und Norwegen – Implenia wird immer internationaler. Neu ist das nicht. Gründervater Conrad Zschokke war in den ersten 30 Jahren seines Berufslebens fast ausschliesslich im Ausland unterwegs. Aus einem einfachen Grund: Er war einer der bedeutendsten Hafenbauer seiner Zeit. Schiff ahoi!
Die Besucherinnen und Besucher der Schweizerischen Landesausstellung staunen nicht schlecht, als sie 1914 in Bern den Pavillon 7 besuchen, um hier Kostproben der heimischen Ingenieurskunst zu erhalten: eindrückliche Brücken, wagemutige Tunnel, neue Hochbauten. Und dann das: Häfen! Meereshäfen in Dieppe, Cadiz, Genua, Marseille… Von den acht Projekten, welche die AG Conrad Zschokke in ihrer Werkschau präsentiert, stammen fünf aus dem Ausland. Und so manch ein Besucher wird sich fragen, warum ausgerechnet ein Schweizer Bauunternehmen aus dem Mittelland in aller Welt Häfen baut?
Wie im Wasser «trocken» bauen?
1914, im Jahr der Landesausstellung, ist der Gründer und Verwaltungsratspräsident der AG Conrad Zschokke, Conrad Zschokke, bereits ein Weltstar des Wasserbaus, der ihn Zeit seines Lebens beschäftigt hat. Bereits als 20-jähriger ETH-Student ist er live dabei, als beim Bau eines Brückenpfeilers für die neue Bahnlinie zwischen Biel und Bern die erste sogenannte Druckluftgründung in der Schweiz durchgeführt wird. Seitdem lässt ihn dieses faszinierende Bauverfahren nicht mehr los.
Um dieses Faszinosum zu verstehen, muss man wissen: Im 19. Jahrhundert sind Spundwände noch nicht erfunden. Die grösste Herausforderung des Wasserbaus ist also, unter Wasser «trocken» zu bauen. Genau hier setzt das Verfahren der Druckluftgründung an: Ein Hohlraum wird ins Wasser versenkt und mit Druckluft befüllt, damit kein Wasser in diesen Senkkasten – auch «Caisson» genannt – eindringen kann.
Über eine Schleuse erreichen sodann Arbeiter den Arbeitsraum im Senkkasten, wo sie weit unter dem Wasserspiegel «trocken» den Fluss-, See- oder Meeresgrund ausgraben und danach zum Beispiel betonieren können, wobei das Baumaterial wie die Arbeiter selbst über Schleusen in den Caisson eingeführt werden. Am Ende werden die Senkkästen selbst mit Beton aufgefüllt, und fertig ist das unter Wasser gegründete Fundament. Was an dieser Stelle nicht verschwiegen werden soll: Das Arbeiten im Überdruck der niedrigen Caissons ist hart und gesundheitsgefährdend.
Zschokke, ein Meister der Druckluftgründung
Über Kontakte seines Onkels Olivier Zschokke, ebenfalls Bauingenieur, erhält der frisch diplomierte 22-jährige Conrad Zschokke 1864 eine Anstellung bei der Pariser Baufirma Castor & Hersent. Diese ist auf Wasserbauarbeiten spezialisiert und schickt den jungen Schweizer Angestellten von einer Baustelle zur nächsten. Davon zeugen nicht zuletzt private Meilensteine in Zschokkes frühem Leben. In Arles heiratet er 1867 die schöne Südfranzösin Eugénie Faure; das erste Kind der beiden kommt im algerischen Annaba zur Welt, wo Zschokke mit Hilfe von Senkkästen Anlegequais baut. Das zweite Kind kommt im ungarischen Szeged, das dritte Kind in Wien, das vierte in Valence zur Welt.


1869 stellt sich Zschokke erstmals einer zusätzliche Herausforderung im Wasserbau: die Tide bei Bauten am Meer. Hier, in Ranville in der Normandie, kommt Zschokke bei Bau einer Drehbrücke auf die brillante Idee, die natürlichen Kräfte der Gezeiten nicht als Problem, sondern als Vorteil zu erkennen: «Zum ersten Mal, und entgegen den Anweisungen Castors & Hersents, fertigte er die Caissons auf festem Boden, liess sie von der Flut mittragen und von der Ebbe an den gewünschten Plätzen absetzen. Diese Lösung war nicht nur ausserordentlich einfallsreich, sondern nebenbei auch sehr ökonomisch und erwies sich am Ende als grosser Erfolg»1, schreibt die Kunst- und Architekturhistorikerin Catherine Courtiau.
Der Handel boomt, die Häfen wachsen
Mit seiner Expertise im Wasserbau ist Zschokke genau der richtige Mann zur richtigen Zeit. Es ist das Zeitalter des Kolonialismus und des Nationalismus. 1869 wird der Suezkanal eröffnet, im Hafen von Marseille wird sich seitdem der Warenumschlag auf rund 20 Millionen Bruttoregistertonnen 1913 verdoppeln. Dampfschiffe ersetzen Segelschiffe, werden wie die Kriegsflotten immer grösser, brauchen mehr Anlagequais, mehr Trockendocks und vor allem tiefere Hafenbecken. In ganz Europa sind Ministerien und Bauämter auf der Suche nach fähigen Ingenieuren, um ihre Handels- und Militärhäfen den neuen Erfordernissen baulich anzupassen.
Ein internationaler Wasserbaustar
Seine Erfahrungen mit Druckluftgründungen im Hafenbau fasst Conrad Zschokke 1879 in seiner vielbeachteten Studie «Fondations A L’Air Comprimé» zusammen – publiziert in Frankreich und auf Französisch.Mit wechselnden Geschäftspartnern baut Zschokke in den nächsten Jahren u. a. ein Trockendock in Genua (1886-1893), den Hafen La Pallice bei La Rochelle (1888), ein Trockendock des Militärhafens Carraca bei Cadiz (1893), das Bassin de la Pinède im Hafen von Marseille (1895), die neue Hafenzufahrt und Kaimauern in Dieppe (1905-1914), ein Trockendock im Militärhafen von Venedig (1909-1916) und die Erweiterung des Hafens Marseille (1911).
Zudem erhält er vom italienischen Staat 1885 den Mammutauftrag der Tiber-Korrektion in Rom – für CHF 22 Mio., das wäre heute mehr als das Zehnfache. Allein hier führt er über 100 Druckluftgründungen beim Bau von Uferquais und Brücken aus.2Zschokke entwickelt sich zu einem internationalen Wasserbaustar, erhält 1887 den italienischen Kronenorden, anlässlich der Pariser Weltausstellung 1889 das Kreuz der Ehrenlegion; 1901 wird er zum Ehrendoktor der Uni Zürich ernannt, 1915 der ETH Zürich. 1916 erscheint in der Schweizerischen Bauzeitung Zschokkes Résumée aus einem halben Jahrhundert des Hafenbaus: «Die Hafenanlagen an der See»3.


Schiff ahoi heute

Ende des 19. Jahrhunderts rückt ein neues Anwendungsgebiet des Wasserbaus ins Portfolio von Conrad Zschokke: die Wasserkraft. Auch hier wird die Person und die Firma Conrad Zschokke eine führende Rolle einnehmen – im Gewand von Implenia bis heute.
Im Hafenbau ist Implenia indessen nicht mehr aktiv. Dennoch spielen Schiffe oder besser gesagt die Schiffbarmachung von Gewässern, wie zu Zeiten Conrad Zschokkes, eine wichtige Rolle. Wichtigstes Beispiel: das 2022 eröffnete Schiffshebewerk im brandenburgischen Niederfinow, ein gigantisches Bauwerk aus 65'000 m³ Beton- und Stahlbeton, das Personen- und Frachtschiffe mit Hilfe eines Stahltrogs über einen Geländesprung von 36 Metern hinweghilft. Druckluftgründungen kamen nicht zur Anwendung. Anfang des 20. Jahrhunderts hat die Erfindung der Spundwände dieses Verfahren weitgehend überflüssig gemacht. So hat Implenia in Niederfinow 40'000 m³ Spundwandstahl verbaut.
Schiff ahoi – damals wie heute.
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Hauptfoto: Zschokke (2006), Archiv Zschokke, Genf
1 Zschokke (2006), S. 29.
2 Zschokke (2006), S. 36.
3 SBZ (1916), Band 68.
History-Stories
Im Laufe des ganzen Jubiläumsjahres wird der Inhalt erweitert
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